EVENTMANAGEMENT HEUTE

„INTEGRATION, LEGITIMATION UND INNOVATION“

EVENTMANAGEMENT HEUTE

„INTEGRATION, LEGITIMATION UND INNOVATION“

Der rund 60 Spezialistinnen und Spezialisten starke Eventbereich der Berliner Kommunikationsagentur familie redlich hat im vergangenen Jahr einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Die Arbeit von Eventmanagerinnen und Eventmanagern hat sich verändert. Wir sprechen mit Ingmar Klatt, Vorstand und Leiter des Eventbereichs, über seine Beobachtungen und mit Projektleiterin Natalie Maaß-Stalp über ein Best-Practice-Beispiel: die digitale UNESCO-Weltkonferenz zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Kerstin Wünsch: Herr Klatt, Sie leiten den Eventbereich der familie redlich. Was sind aktuell Ihre drei größten Herausforderungen? Ingmar Klatt: Da wären drei Schlagworte zu nennen: Integration, Legitimation und Innovation. Was meinen Sie damit? Integration heißt, dass sich früher getrennte Formate immer mehr annähern und zu einem großen Ganzen werden. Ein hybrides Event vereint heute frühere Aspekte aus klassischen TV-Produktionen, Webseiten-Architektur und klassischer Event-Inszenierung im Raum. Legitimation heißt, dass es immer herausfordernder wird, die Daseinsberechtigung für ein klassisches Präsenz-Event zu definieren. Manche fragen sich, warum man einen Kongress auch nicht künftig vollständig digital umsetzen sollte. Vor einigen Jahren wurde darüber überhaupt nicht nachgedacht. Und Innovation steht für den zunehmenden Hunger nach Neuem. Das bedeutet, Formate, Prozesse und Event-Bausteine immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, sie neu zusammenzusetzen und eventuell durch Besseres zu ersetzen.

Wie haben sich Events durch die Pandemie und Digitalisierung verändert? Zahlreiche Veranstalter und Agenturen haben sich 2020 und 2021 der Digitalisierung ihrer Eventformate gewidmet. Dabei ging und geht es den meisten darum, Livestream-Technik so einzusetzen, dass sowohl ein Präsenz- als auch ein Online-Publikum die gleichen Inhalte zur gleichen Zeit sehen kann. Das wäre aber nichts Besonderes – jede Samstagabend-Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen macht das seit fünfzig Jahren. Hybride Veranstaltungen werden zudem häufig als Kombination von Präsenzveranstaltungen mit wenigen Teilnehmenden vor Ort und zugeschalteten externen Gästen verstanden. Das war und ist uns wiederum zu einfach und zu wenig. Was braucht es noch? Einfach ausgedrückt: Es braucht Konzepte, die das Live-Erlebnis vor Ort und remote bestmöglich in beiden Situationen interpretieren. Dabei muss nicht einfach das Präsenz-Erlebnis gestreamt werden – sondern es gilt, die digitalen Mitmach- und Matching-Möglichkeiten so einzusetzen, dass auch für alle, die nicht vor Ort sind, ein echter Mehrwert entsteht. Und umgekehrt genauso: Wie sehen die Mitmach- und Matching-Möglichkeiten für das Präsenz-Publikum aus?

„ES BRAUCHT DIE BEREITSCHAFT, EIN LEBEN LANG LERNEN ZU WOLLEN ZU WOLLEN UND SICH IMMER WIEDER IN NEUE THEMENKOMPLEXE EINZUARBEITEN.“
INGMAR KLATT, VORSTAND UND LEITER EVENTBEREICH, FAMILIE REDLICH AG

Was heißt das für die Arbeit von Eventmanagerinnen und Eventmanagern? Zunächst: neue Wege gehen zu wollen. Das Ziel sollte das Angebot individueller Guest-Journeys sein, also echter personalisierbarer Erlebnisse, die gerne auch vor und nach der eigentlichen Veranstaltung verfügbar sind. Das stellt Eventmanager:innen vor neue, spannende Herausforderungen. Neue Herausforderungen und neue Skills: Was müssen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zukunft können oder lernen? Die Branche ist sehr dynamisch und stark von gesamtgesellschaftlichen und politischen Diskussionen und Entwicklungen geprägt. Allein in den letzten Jahren sind quasi über Nacht rechtliche Dimensionen wie Datenschutz und gesundheitliche wie Hygienekonzepte dazugekommen, bei denen Auftraggebende zu Recht eine verlässliche Beratung erwarten. Generell wird das Anforderungsprofil immer komplexer und Eventmanager:innen müssen immer mehr zu gut ausgebildeten Planungs- und Kommunikationsallrounder:innen werden. Mit anderen Worten, es braucht die Bereitschaft, ein Leben lang lernen zu wollen und sich immer wieder in neue Themenkomplexe einzuarbeiten.

Wie unterstützen Sie Ihr Team beim Lernen? Wir haben dafür die familie redlich Akademie gegründet, in der Know-how und Kompetenzen aus verschiedenen Disziplinen und Perspektiven vermittelt werden. So ist ein Programm entstanden, das junge Auszubildende ebenso anspricht wie gestandene Senior-Berater:innen. Das umfasst alles von Präsentations- und Moderationstechniken über nachhaltige Event-Umsetzung bis hin zu rechtlichen Aspekten.

Stichwort Digitalisierung: Stellen Sie vermehrt Digital ­Natives ein mit entsprechender Ausbildung oder einem S­tudium? Wenn ja, nach wem suchen Sie? Es liegt in der Natur der Sache, dass im Junior- und Medior-­Bereich maßgeblich Digital Natives ongeboardet werden – das ist nun mal die aktuell den Arbeitsmarkt prägende Generation. Wir bevorzugen nicht automatisch Akademiker:innen – sondern­ achten insgesamt auf einen interessanten und spannenden ­Lebenslauf sowie gute Zeugnisse.

INGMAR KLATT

Vorstand und Leiter des Eventbereichs der familie redlich AG

FAMILIE REDLICH

familie redlich, Agentur für Marken und Kommunikation­ GmbH aus Berlin

NATALIE MAAS-STALP

Projektleiterin der digitalen UNESCO-Weltkonferenz zur Bildung für nachhaltige Entwicklung

Wenn Sie Eventmanagerinnen und Eventmanager suchen, was müssen diese an Fachwissen, Fähigkeit und Erfahrungen mitbringen? Grundsätzlich erwarten wir ab dem Medior-Level mindestens drei Jahre Berufserfahrung in der Branche. Eventmanagement ist ja ein komplexes Berufsbild, das Dimensionen wie Medien­kompetenz, Eventrecht, Eventcontrolling, Eventdesign und grundsätz­liche inszenatorische und dramaturgische Kompetenzen sowie ein solides Verständnis für diverse technische Parameter beinhaltet. Neben diesen Hard Skills erwarten wir aber vor allem eine gute Portion Neugier, Schaffensfreude und Leistungsbereitschaft.

Die Eventbranche ist von der Pandemie schwer getroffen. Mit der Sorge um den Arbeitsplatz sinkt die Attraktivität des Jobs. Wie halten Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wie gewinnen Sie die „besten Köpfe“ für Ihr Eventteam? Das kann ich zunächst so aus unserer Sicht nicht bestätigen. Gerade die neuen hybriden Formate locken gut ausgebildete Quereinsteiger:innen an, denn zeitgemäße Veranstaltungen erfordern einerseits ein breites Set an traditionellen Kompetenzen sowie grundsätzliche Kommunikationsfähigkeiten. Dazu kommen nun verstärkt Kompetenzen in Sachen Inszenierung, Dramaturgie und Regie. Da sind wir wieder beim Thema Konvergenz, also dem Ineinanderfließen von früher getrennten Arbeitsbereichen. Das ist so spannend, dass viele Mitarbeiter:innen gerne bei uns bleiben und sich neue Kandidat:innen bewerben.

Kerstin Wünsch

Bilder: familie redlich

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