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„TAGUNGSRÄUME WERDEN

ZWANGSLÄUFIG TEURER.“

„Wir haben gerade den größten Wandel in der Veranstaltungsindustrie, den wir je hatten“, sagt Bernd Fritzes. Der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) im Interview über die Folgen der Transformation für die Veranstaltungswirtschaft.

Thomas Grether: Die Transformation hat für die Veranstaltungswirtschaft weitreichende Folgen für alle Beteiligten. Muss derjenige, der Verantwortung für eine schöne Halle trägt, Angst haben: Weil durch hybride Konzepte plötzlich nur noch die Hälfte des Raumes im Jahr gebucht wird? Bernd Fritzges: Natürlich muss der Chef einer Halle sich Gedanken machen. Die Teilnehmer einer Tagung werden nicht mehr ständig wie die Legehennen dicht an dicht im Saal hocken. Der Raumbedarf muss völlig neu kalkuliert werden. Der Manager einer großen Halle muss seine Raumkonzepte so ändern, dass neue und unterschiedliche sowie zeitgleiche Formate mehrerer Veranstalter angeboten werden können. Das ganze Thema Revenue Management muss neu aufgestellt werden.

Bringt das Ihre Mitglieder in Nöte? Nicht in existenzielle. Denn die Mehrheit unserer Mitglieder sind professionelle Veranstaltungsplaner aus Unternehmen – also die Nachfrager, nicht die Anbieter. Wir müssen unsere Mitglieder aber in die Lage versetzen, moderne Veranstaltungskonzepte umsetzen zu können.

Die Planer müssen also das Know-how haben, die richtigen Fragen zu stellen: damit sie für ihre Unternehmen zeitgemäße Meetings und Events organisieren können. Das ist eine Ihrer wichtigsten Aufgaben? Genau. Wir haben eine Million Euro Fördergelder zur Verfügung gestellt, um zeitgemäße Veranstaltungsformate zu unterstützen. Schauen sie sich unsere Website Push21.de an. Damit unterstützen­ wir nachhaltige, cocreative, partizipative, kollaborative und hybride Event- und Meetingformate. Wir unterstützen unsere Mitglieder so bei der Transformation der Veranstaltungswirtschaft. Konkret heißt das… … dass wir den VDVO-Mitgliedern sagen, wer die Technik-­Anbieter und wer die Locations sind, die ihre gewünschten Formate umsetzen können. Die Leistungsträger werden also genannt. Mehr nicht. Doch! Gerade während die Pandemie die allermeisten physischen Treffen unmöglich machte, haben wir den Anbietern ­gezeigt, welche Förderprogramme es gibt. Und welche Banken und Finanzdienstleister ein Überleben sicherten. Also haben wir Hilfestellungen zur existenziellen Sicherung gegeben.

Wenn Sie in einem Satz einen Rat geben müssten, damit P­laner mit der Zeit gehen, die Transformation also nicht ­verschlafen – was sagen Sie? Trotz aller Veränderungen an den Veranstaltungsformaten: ­Plane als Anker immer eine Präsenzveranstaltung, denn Videocalls sind keine hybriden Veranstaltungen. Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt kräftig verändert. Die Technik, sich an Videokonferenzen zu beteiligen, beherrscht buchstäblich jedes Schulkind. Wenn also viele­ Konferenzen vom heimischen Schreibtisch abgewickelt werden: bedeutet dies, dass es zu viel Hardware, sprich zu viele Locations, gibt? Nein, das glaube ich nicht. Lediglich der Speaker muss nicht mehr aus den USA eingeflogen werden. Das ist ja auch nachhaltiger. Aber die Anzahl der Teilnehmer auf Live-Veranstaltungen wird gleichbleiben, also keinesfalls weniger werden. Denn die Teilnehmer müssen sich Aug’ in Aug’ sehen. Die Räume müssen anders genutzt werden. Also dezentrale Meetings mit mehreren Veranstaltungsorten, die elektronisch zusammen geschaltet werden. Auch das ist nachhaltiger, wenn der Einzelne nicht mehr so lange reisen muss. Die riesigen Tagungsräume mit vielen, ­vielen Teilnehmern – das wird es so nicht mehr geben.

Das sind ja Veränderungen, die wahrhaft transformatorisch genannt werden können, oder? Oh ja! Wir haben gerade den größten Wandel in der Veranstaltungsindustrie, den wir je hatten. Wann hat dieser Wandel eingesetzt? Bereits vor Beginn von Corona. Damals hat die Transformation langsam begonnen, mit der ersten Welle kam der Turbo, mit der zweiten Welle der Turbo-Booster. Spätestens da ist bei vielen der Groschen gefallen. Welche Folgen hat die Transformation für die Tagungshotellerie? Die guten Meeting-Kapazitäten wurden früher nur dann ange­boten, wenn man besonders teuer seine Zimmer verkaufen konnte. Wenn jetzt also wegen dezentraler Meeting-Konzepte weniger Übernachtungen verkauft werden – also müssen Hotels die Kalkulation für Tagungsraum-Mieten völlig überarbeiten. Ja! Tagungsräume werden zwangsläufig teurer werden. Allerdings müssen diese Räume für die Teilnehmer auch viel attraktiver werden. Wenn ich schon mein Homeoffice verlasse und mich mit den Kollegen treffe, dann muss das richtig toll werden.

Thomas Grether

„VIDEOCALLS SIND KEINE HYBRIDEN VERANSTALTUNGEN.“
BERND FRITZGES, VORSTANDSVORSITZENDER, VDVO

DER VDVO

Bernd Fritzges ist Vorstandsvorsitzender im Verband der Veranstaltungsorganisatoren e.V. (VDVO). Der Verband der Veranstaltungsorganisatoren ist ein Netzwerk für die Entscheider und Führungskräfte der Meetingbranche mit dem Ziel, Veranstaltungsplaner optimal zu informieren und bei ihrer Arbeit durch Impulse und Fachwissen zu unterstützen. Derzeit zählt der VDVO rund 600 Planer und Dienstleister der Veranstaltungswirtschaft, die netzwerken, Erfahrungen austauschen und neue Kontakte knüpfen.

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