Foto: Bosch, Kai R. Joachim

Katharina Krentz, Corporate Human Resources, Transformation Team bei Bosch und Gründerin von Connecting Humans, über vernetztes Arbeiten, die Methode Working Out Loud, die Kraft der Gemeinschaft und den Gedanken „von Ego zu Eco“.

Kerstin Wünsch: Spätestens mit der Corona-Pandemie steht die Digitalisierung in Organisationen oben auf der Agenda und damit die Transformation und Kollaboration. Was verstehst du unter diesen beiden Begriffen? Katharina Krentz: Transformation heißt für mich Themen neu denken und neue Dinge entstehen lassen mit den Möglich­keiten, die sich heute bieten. Seit Peter Druckers Zitat „Culture eats strategy for breakfast“ wissen wir, dass es einen großen Kulturwandel braucht, weil wir mit den bestehenden Systemen nicht mehr weiterkommen. Es gibt gewisse Hebel, wie man die Kultur beeinflussen kann, also die Art und Weise wie wir miteinander umgehen und zusammenarbeiten. Das sind Führung, Zusammenarbeit und Lernen. Wenn wir an diesen drei Themen arbeiten, können wir uns für die Zukunft deutlich besser aufstellen.

Lass uns auf die Zusammenarbeit schauen. Wie sieht die heute aus? Wir können entscheiden, ob wir online oder offline arbeiten, synchron oder asynchron. Im Fokus steht für mich vernetzt zu arbeiten und möglichst agil. Dafür braucht es vernetzte und diverse Teams, die einen Sinn sehen in dem, was sie machen. Die Frage nach dem Sinn steht immer mehr im Vordergrund und Unternehmen stehen vor der Herausforderung, diesen Sinn klar zu kommunizieren. Um zu diesem Sinn beizutragen, braucht es aber auch die Befähigung jedes Einzelnen. Ich schaue dabei auf drei Ebenen: Toolset, Skillset und Mindset. Und frage mich, welche Tools und Methoden haben und brauchen wir, welche Fertigkeiten sind erforderlich und mit welcher Haltung gehen wir da heran?

„MIR WURDE KLAR, DASS VERNETZTES ARBEITEN KEIN TALENT IST, SONDERN IN KLEINEN SCHRITTEN ERLERNBAR IST.“
KATHARINA KRENTZ, CORPORATE HUMAN RESOURCES, BOSCH

Du arbeitest im Transformation Team und hast zuvor im ­Collaboration Crew bei Bosch gearbeitet. Wie greifen die Bereiche ineinander und wie unterstützt ihr die Beschäftigten? Ich bin Teil der zentralen HR. Wir sehen uns als starker Partner bei der Transformation, die uns gerade beschäftigt: Bosch wandelt sich von einem klassisch schwäbischen Produktionsunternehmen in ein globales AI- und IoT-Unternehmen. Natürlich werden wir weiterhin Waschmaschinen herstellen, nur werden diese smart sein und über das Internet ansteuerbar. Das alles folgt dem Bosch-Slogan „Technik fürs Leben“. Das Leben der Menschen mit unserer Hard- und Software zu verbessern, das gibt uns Sinn. Im Transformationsteam evaluieren und adaptieren wir Produkte,­ Modelle und Enabler für die Organisation, um die Transformation­ zu unterstützen. Wir probieren viel selbst aus und arbeiten in Teams, die selbstorganisiert und eigenmotiviert sind. Wir arbeiten eng und global in einem Netzwerk mit Menschen überall in der Organisation. Dabei folgen wir einem bestimmten Menschenbild: Der Mensch per se ist gut. Er will leisten, teilhaben und sich einbringen.

Wie gestaltet ihr den Rahmen, damit Menschen sich einbringen können? Wir folgen dem Dreiklang „Enjoy, grow und perform“. Wir glauben, dass wenn Menschen schätzen, was sie tun, sie sich wohlfühlen, Freude empfinden und über sich hinauswachsen können.Dann führt das zu Performance. Wenn alle ihre Ideen einbringen, macht uns das gemeinsam erfolgreich. Unsere zehn Führungsleitlinien heißen „We lead Bosch“. Und wir sind nicht nur die Führungskräfte, sondern wir alle – alle ca. 400.000 Mitarbeitenden in über 60 Ländern.

Du hast in Deutschland als erste die Methode Working Out Loud in einem Großkonzern ausprobiert und seither strategisch verankert. Wieso WOL und wie hast du begonnen? Ich beschäftige mich seit 2010 mit vernetzter Zusammenarbeit, also seit bei Bosch klar war, dass Social Media sich durchsetzen würde und virtuelle Zusammenarbeitsplattformen die Zukunft sind. Wir haben angefangen, uns mit den interaktiven Dialogformaten und ihren Mechanismen zu beschäftigen. Ich war in einem Projekt, wo es um die Voraussetzungen ging, um so eine Kollaborationsplattform intern einzusetzen. Meine Aufgabe war, mich mit Communities und Community Management zu beschäftigen. Im Internet bin ich auf den Begriff Working Out Loud gestoßen. Bryce Williams hatte 2010 dazu einen viel beachteten Blogpost geschrieben. Auf dieser Grundsatzidee setzte John Stepper die Methode Working Out Loud auf und schrieb das gleichnamige Buch. Die Frage war: Wenn wir die Tools haben, was braucht es dann, um diese vernünftig zu nutzen? Wie schaffen wir es, dass Menschen offen, transparent und engagiert in Netzwerken arbeiten, um ihr Wissen zu teilen und sich gegenseitig unterstützen. Ich fand die Idee super, habe die erste Wiki-Seite dazu geschrieben und dafür gesorgt, dass die Grundsatzidee und Haltung von Working Out Loud in unsere Community-Management-Trainings einfließen. 2015 haben Kollegen von der Deutschen Bank, die sich mit ­vernetzter Zusammenarbeit beschäftigen, eingeladen. John Stepper war zugeschaltet. Er erklärte die Methode, und wir probierten das zwölfwöchige Programm selbst aus. In Woche drei wurde mir klar, dass vernetztes Arbeiten kein Talent ist, sondern in kleinen Schritten erlernbar ist. Deshalb habe ich es zu Bosch gebracht.

Foto: Media Daimler

ZUR PERSON

Katharina Krentz unterstützt mit ihrem Label Connecting Humans New Work-Themen wie Auf- und Ausbau von Netzwerken, vernetzte Zusammenarbeit, Führung, Sichtbarkeit und Lernen. Sie ist Speakerin, Begleiterin und Beraterin, gibt Trainings und Workshops. Krentz ist zertifizierter Working Out Loud (WOL) Coach und Begründerin der WOL-Bewegung in Deutschland. 2015 führt sie die Methode erfolgreich bei Robert Bosch ein, entwickelt sie weiter und verankert sie strategisch. Dort ist sie seit 2005 beschäftigt und unterstützt als Fachreferentin innerhalb der Corporate HR im Transformationsbereich die Bosch Gruppe weltweit in der digitalen Transformation. Für ihre Arbeit erhielt Katharina Krentz 2019 den Digital Female Leader Award in der Kategorie New Work.

www.connecting-humans.net

Wie waren die Reaktionen auf deinen Vorschlag? Nicht alle fanden die Idee anfangs so toll, doch ich habe es einfach gemacht. Ich habe mithilfe meines Netzwerkes und einer Kollegin die ersten zehn Pilot-Circles aufgestellt, habe durch das Programm begleitet und gemerkt, dass es auch bei anderen funktioniert. Wir haben John Stepper eingeladen, die erste Working-Out-Loud-Konferenz mit 400 Menschen abgehalten und daraus weitere Circles gebildet. Ende 2015 haben wir richtig losgelegt. Basierend auf dem Feedback der Teilnehmenden haben wir eine Struktur aufgebaut, um die Teilnahme so einfach wie möglich zu machen. Unser damaliger Arbeitsdirektor war unser Sponsor, so dass die Leute während ihrer Arbeitszeit mitmachen konnten. Wir haben mit der Trainingsakademie bei Bosch gepartnert und mit John Stepper weiter an Methoden gearbeitet und verschiedene Adaptionen entwickelt wie WOL für Führungskräfte und WOL für Teams oder als begleitete Programme für Kulturentwicklung.

Unter den Unternehmen, die Working Out Loud eingeführt haben, ist die Deutsche Messe in Hannover. Das Unternehmen ist wie die Veranstaltungswirtschaft schwer von Covid-19­ getroffen und gefragt, sich – mit neuen Ideen und Geschäftsmodellen – neu aufzustellen. Können hier Kollaboration und Working Out Loud helfen? Ja, definitiv. Leider sehe ich, dass oftmals die alten Mechanismen greifen. In der Krise neigen wir dazu, uns auf die Mechanismen zu verlassen, die in der Vergangenheit funktioniert haben: Kostenersparnis und Effizienzsteigerung. Dazu gehören Lern-Methoden wie Working Out Loud eher nicht. Ich sehe in vielen Unternehmen, dass sie ihre New-Work-Initiativen auf Eis legen, um Kosten zu sparen.

Du hast das EF2021, das Executive Forum von Bosch, mit 750 Teilnehmern mitorganisiert. Inwieweit kann WOL bei der Organisation einer Konferenz helfen? Mannigfaltig! Man kann sich mit Menschen vernetzen, das ist ja der Ursprung der Methode. Fünf Leute tun sich zusammen, wählen ihr Thema und lernen in zwölf Wochen, wie sie ein Netzwerk von Menschen aufbauen, die ihnen helfen, dieses Thema zu er­örtern oder als Lernziel zu erreichen. Wenn ich an einem WOL-Circle teilnehme mit dem Ziel, ein Event zu organisieren, tue ich mich mit anderen Eventmanagern zusammen und zwar innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Ich schaue mir an, welche Tools es gibt und welche Formate und frage mich, was machen andere? Das ist der große Mehrwert, denn ich sehe, was andere machen, was bei ihnen funktioniert hat und was ich adaptieren kann. Dadurch spare ich viel Zeit. Tools gibt es viele, doch erst das Anwenderwissen macht sie interessant, z. B. zur Datensicherheit. Wenn sich beim Executive Forum unsere leitenden Angestellten treffen, darf es keine Sicherheitslecks geben. Das Andocken an Experten, ihr Fachwissen und ihre Erfahrung, das lerne ich bei Working Out Loud. Ich lerne, wie ich diese Experten finde und eine Beziehung mit ihnen aufbaue. Eine Beziehung, die so stark ist, dass sie mir helfen, indem sie ihr Wissen mit mir teilen und mit mir weiterentwickeln. So entsteht ein Mehrwert: Ich mache aus dem Wissen anderer etwas Neues, nämlich meine eigene Konferenz und stelle die Ergebnisse wiederum dem Netzwerk wie über LinkedIn zur Verfügung.

„DAS ANDOCKEN AN EXPERTEN, IHR FACHWISSEN UND IHRE ERFAHRUNG, DAS LERNE ICH BEI WORKING OUT LOUD. ICH LERNE, WIR ICH DIESE EXPERTEN FINDE UND EINE BEZIEHUNG ZU IHREN AUFBAUE.“
KATHARINA KRENTZ, CORPORATE HUMAN RESOURCES, BOSCH

Warum machst du dich so stark für Working Out Loud – was möchtest du erreichen? Ich möchte die heutige Arbeitswelt nachhaltig und wertschöpfend verbessern, und zwar mit und für die Menschen und mit einem positiven Menschenbild im Mittelpunkt. Das digitale Zeitalter bietet dafür viele Chancen und Möglichkeiten. Allerdings tun sich gerade Frauen häufig schwer, Kontakte zu knüpfen und sich, ihre Talente und ihre Arbeit sichtbar zu machen, und Netzwerke für Zusammenarbeit und Weiterentwicklung effektiv zu nutzen.

Hast du deshalb Working Out Loud #FrauenStärken initiiert? Ich habe gesehen, dass in der Corona-Krise Frauen zu oft in alte Geschlechterrollen geraten. Das hat mich schockiert, weil ich dachte, wir wären weiter. Dazu kommt das Phänomen, dass es auf Konferenzen kaum Speakerinnen gibt. Nicht, weil es nicht genug Expertinnen gibt, Frauen sind oftmals einfach nicht sichtbar genug. Ich möchte Frauen sichtbar machen. Das hat mich getriggert und weil ich weiß, dass WOL funktioniert, ist das WOL #FrauenStärken Programm entstanden mit dem Ziel: Menschen zusammenzubringen, die lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und sichtbar zu machen. Wenn ich andere nicht als Konkurrenz betrachte, sondern als Anreicherung in meinem Leben und Wirken mit Fähigkeiten, die ich nicht habe, dann haben wir in dieser vernetzten Welt ganz andere Möglichkeiten. So habe ich das Programm konzipiert, in dem fünf Jahre meiner Erfahrung und mein Herzblut stecken.

Bei WOL #FrauenStärken von 7. Januar bis 22. April 2021 machten 3.308 Frauen und 60 Männer mit. Hast du mit dieser Resonanz gerechnet? Nein. Ich dachte, wenn 200 Frauen teilnehmen, wäre das super… Ich habe zum Glück ein großartiges Team mit ganz unterschied­lichen Erfahrungen, dass das mit mir wuppt. Wenn man eine Gruppe auf ein gemeinsames Ziel einschwört, nämlich: Gemeinsam sind wir stärker, wir dulden keinen Wettbewerb und wir wollen uns gegenseitig stärken und uns gegenseitig diese Bühne bereiten, dann setzt das eine wahnsinnige Energie frei. Dass die Zeit reif dafür ist, das sehen wir an dieser hohen Teilnehmerzahl.

In jeder der zwölf Wochen von WOL #FrauenStärken interviewst du ein Role Model. Zuletzt fragst du: Welche Frage habe ich vergessen? … Welche Frage habe ich vergessen? Das ist meine Lieblingsfrage. Wenn man mit Experten spricht, ist man nur der Fragesteller – da kann man noch so gut recherchieren. Deshalb ist diese Frage so wertvoll. Meine Frage ist: Was treibt dich an?

Und was treibt dich an? Jahrelang habe ich als Einzelkämpferin erlebt, wie es ist, in der zweiten Reihe zu stehen, nicht gesehen und gehört zu werden. Doch es gibt diese Erkenntnis: von Ego zu Eco, und das wird uns in den nächsten Jahren begleiten. Es geht darum, sich gegenseitig mehr zu stärken, um gemeinsam mehr zu erreichen, denn alleine werden wir die globalen Probleme nicht in den Griff bekommen, sei es der Klimawandel oder demografische Wandel, die Digitalisierung oder Globalisierung. Das sind die großen Themen, denen wir uns stellen müssen, und das schaffen wir nur gemeinsam. ­Dafür braucht es weniger Ego und viel mehr Eco.

Kerstin Wünsch

Bilder: Bosch, Kai R. Joachim; Bosch; Media Daimler

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