Foto: Greentech Festival, Ulf Büschleb

DIE WELT BRAUCHT DIE EVENTBRANCHE DRINGENDER DENN JE

Die Pandemie hat der Eventindustrie und -community großen Schaden zugefügt. Die Krise konfrontierte uns aber auch mit existenziellen Fragen: Wie positionieren wir uns zum Thema Nachhaltigkeit? Was können wir zu besserer Kooperation beitragen – und wie kann sich die Community selbst für eine ungewisse Zukunft rüsten? Angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit müssen wir die Rolle von Veranstaltungen in der Gesellschaft weiterdenken.

Die Event-Community kämpft sich momentan durch das zweite Jahr der Pandemie. Kaum eine Branche hat in den letzten ­Monaten mehr Schaden genommen, mehr Umsatzverluste ­erlitten, mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit gehen sehen. Trotz sinkender Fallzahlen von Covid-19 in den Sommermonaten und einer steigenden Anzahl geimpfter Menschen im Land entspannt sich die Lage für die Veranstaltungsbranche nur langsam. Zukunftsplanungen sind schwierig, denn der gesamte Fokus der Branche ruht noch auf dem Hier und Jetzt – auf der Rückkehr zu einer annähernd normalen Geschäftstätigkeit und auf der notwendigen Unterstützung, die die Politik beim Neustart der Veranstaltungsindustrie geben soll. Dieser Neustart darf nicht auf sich warten lassen. Er ist dringend notwendig, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen, weiteren wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und den Menschen wieder ihre Lebensgrundlage zurückzugeben. Ein Neustart ist auch notwendig, weil die Eventbranche dringend gebraucht wird. Ihre gesellschaftliche Rolle in der Auseinandersetzung mit den großen Herausforderungen unserer Zeit wird zukünftig zunehmen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Nach der Krise ist vor der Krise. Nach einer (hoffentlich langfristig) erfolgreichen Auseinandersetzung mit Covid-19 werden wir in Deutschland und weltweit ­unmittelbar mit den nächsten Herausforderungen konfrontiert, die konkrete Auswirkungen auf unser aller Leben haben werden. Die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zeigen anschaulich, welche komplexen Aufgaben die Menschheit bis 2030 zu bewältigen hat. Die Forderung, die notwendigen Schritte hin zu mehr Nachhaltigkeit im Jetzt und Heute anzugehen, wird längst nicht mehr nur von NGOs, Wissenschaftlern und gesellschaftlichen Bewegungen wie Fridays for Future formuliert. Breite Unterstützung kommt mittlerweile auch aus Kultur, Medien, Politik – und aus den Entscheiderebenen der nationalen und ­internationalen Wirtschaft.

In der Liste der größten weltweiten Risiken, die das World Economic Forum jährlich veröffentlicht, sind Themen wie der Klimawandel, die Biodiversitätskrise und gesellschaftliche Folgen wie Massenmigration, Hunger und politische Instabilität führend. Was all diese Probleme ausmacht: Sie sind global, vielschichtig und können daher nicht von einzelnen Nationen oder Sektoren allein bekämpft werden. Wie auch die Pandemie eindrucksvoll demonstrierte – ohne breite Kooperation und stark erweiterten Austausch weltweit werden wir nicht in der Lage sein, die anstehenden Probleme erfolgreich zu lösen. Das letzte der UN-Nachhaltigkeitsziele, Ziel Nummer 17, ist daher auch „Partnerships for the goals“ (globale Partnerschaften stärken) – ein direkter Aufruf, auf allen Ebenen der Gesellschaft einen starken neuen Trend der Kollaboration zugunsten der gemeinsamen Zukunft zu forcieren.

Was es dazu brauchen wird – in Zukunft mehr als je zuvor – sind professionell gemanagte Plattformen für gezielten Austausch, für Networking zwischen Akteuren, für die Anbahnung von Kooperation, für die Inszenierung neuer, inspirierender Lösungen aus Wissenschaft, Technologie, Politik, Kultur und Gesellschaft. Was es brauchen wird, sind Begegnungsräume – physisch und virtuell –, in denen neue Ideen für Innovation entstehen können. Es braucht emotionale Momente, in denen einflussreiche Trends und neue Bewegungen ihren Ausgang nehmen können – und es braucht große und kleine Zusammenkünfte zwischen Menschen, in denen sich progressive Ideen als neuer Zeitgeist verbreiten können.

Die Rede ist natürlich von Events, Veranstaltungen, Messen, ­Kongressen, Konferenzen – von der Vielzahl von effektiven ­Formaten, die entwickelt wurden, um genau jenes zu leisten: Menschen zu einem wichtigen Purpose (Wirkungsanspruch) zusammenzubringen, um kollaborativ zusammen zu denken, Wissen zu teilen und gemeinsam zu handeln. In dieser simplen Formel liegen die gesellschaftliche Rolle und die unglaubliche Wirkungskraft von Events, die schon in den letzten Jahren vor der Krise häufiger (auch auf großen Bühnen wie der PCMA ­Convening-Leaders-Konferenz) diskutiert, aber längst nicht immer angewandt und genutzt wurde.

Übersicht der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen.

Mit der immer weiter wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeit in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nimmt auch die Zahl der Organisationen und Plattformen zu, die sich diesem Megatrend widmen. Diese gehen häufig sehr viel bewusster mit Begriffen wie „Purpose“ und „Impact“ um – und Events spielen in der Erreichung der Ziele häufig eine Schlüsselrolle. Die Veranstalter wissen: Eine Transformation hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft erfordert breite Akzeptanz, starke Kommunikation und Sichtbarkeit in den relevanten Zielgruppen – letztlich die Kooperation vieler Akteure und die Zustimmung vieler Menschen, ­gemeinsam einen Wandel anzustreben. Immer dort, wo es darum geht, neue Trends anzufachen, Agendasetting für nachhaltige Entwicklungen zu betreiben, langfristig Communities für einen gemeinsamen Zweck aufzubauen – immer dort sind Veranstaltungen in Form von Festivals, Summits oder Konferenzen ein besonders wirksames Instrument. Ein Beispiel für einen solchen Trendsetter ist das seit 2018 in Berlin stattfindende Greentech Festival. Initiiert vom ehemaligen Formel-1-Fahrer und Nachhaltigkeits-Influencer Nico Rosberg, zeigt das Festival jährlich einen Überblick über neueste nachhaltige Produkte, Technologien und Innovationen. Das Konferenzprogramm wie auch die Expo-Areale umfassen eine große Bandbreite an Akteuren: Start-ups, lokale Kleinunternehmen wie auch internationale Autohersteller und Luxusmarken. Das Ziel des Festivals: durch spannende Technologien, bekannte Persönlichkeiten, inspirierende Inhalte und Entertainment­ansätze größere Teile der Gesellschaft für eine nachhaltige Zukunft zu begeistern. Der Kampf gegen den Klimawandel wird mit neuen Recyclingansätzen, Wasserstoffautos und Vertical Farming zu einem inspirierenden Erlebnis und Nachhaltigkeit wird nicht nur als Notwendigkeit, sondern als vorwärtsgerichteter Lifestyle etabliert.

GREENTECH FESTIVAL

Auf dem Greentech Festival treffen sich Menschen, Organisationen und Unternehmen aus aller Welt, um zusammen unter dem Motto #celebratechange Wege aus der Klimakrise zu diskutieren und voranzutreiben. Das Greentech Festival will nicht nur möglichst viele Menschen mit grünen Technologien und Ideen für ein nachhaltiges Leben begeistern, sondern sie gleichzeitig animieren, selbst zu handeln.

SALON DU CLIMAT – THE INTERNATIONAL CLIMATE SHOW

Die Climate Show ist eine Messe für Nachhaltigkeit, grüne Technologien und Lösungen gegen Klimawandel, die jedes Jahr zahlreiche Experten und Interessierte aus der Schweiz und dem internationalen Ausland anzieht. Durch Konferenzprogramme und Ausstellungen werden neue, innovative Lösungen ins Rampenlicht gerückt und für breitere Zielgruppen vorgestellt.

GREENBIZ FORUM

Das GreenBiz Forum ist seit mehr als zehn Jahren ein führender Treffpunkt für Entscheider aus Unternehmen, Politik, Wissenschaft und NGOs zu Nachhaltigkeitstrends und Klimathemen. Das Forum stellt neben hochrangigen Impulsvorträgen, interaktiven Tutorials, Deep-Dive Workshops und Netzwerkmöglichkeiten auch die Bühne für den „State of Green Business Report“, der jährlich die neuesten Trends der nachhaltigen Wirtschaft analysiert.

Ein ähnlicher Ansatz wird in der Schweiz verfolgt, wo der Salon du Climat – Climate Show Switzerland ebenfalls seit 2018 eine Trendwende hin zu grünen Technologien und nachhaltigem Unternehmertum begleitet. Die jährlich in Genf und Montreux stattfindende Messe wird ausgerichtet von einer unabhängigen Veranstaltungsorganisation, die, angeführt von Experten, nach strengen Kriterien auswählt, welche Produkte und Technologien auf den Bühnen und Ausstellungsflächen zur Schau gestellt werden. Die rigorose, wissenschaftlich begleitete Selektion der Aussteller und Exponate wird besonders hervorgehoben, da sich Veranstaltungen im Nachhaltigkeitsbereich häufig mit Vorwürfen des Greenwashing konfrontiert sehen. Allzu oft präsentieren sich Marken auf Events und in Marketingkampagnen als „grün“, nachhaltig und progressiv, verschleiern aber damit umweltschädigende Aktivitäten, Produkte und Produktionsbedingungen an ­anderer Stelle. Der Salon du Climat präsentiert sich als Marktplatz für grüne Technologien und Unternehmen, betreibt eine wachsende Datenbank nachhaltig ausgerichteter Unternehmen und trägt mit der Climate Show Tour die Botschaft von der grünen Wirtschaft der Zukunft auch in andere Städte der Schweiz und bis nach Dubai. Ein internationaler Pionier im Feld der Veranstaltungen, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben, ist das vor bereits mehr als zehn Jahren gegründete GreenBiz Forum, das sich selbst als das führende regelmäßige Treffen für Entscheider der nachhaltigen Wirtschaft bezeichnet. Diese Selbstzuschreibung kommt nicht von ungefähr: Jahr für Jahr zieht das Forum etwa 1.500 Executives, Meinungsführer und Nachhaltigkeitsmanager internationaler Top-Unternehmen an, die für mehrere Tage in Arizona die Herausforderungen des Klimawandels, neu aufkommende Trends in Unternehmen und Chancen für nachhaltige ­Entwicklung diskutieren. Die Stärke des GreenBiz Forum liegt in seinem sektorübergreifenden Netzwerk und der Tatsache, dass bei dem Event Führungspersönlichkeiten aus Business und Industrie – von BASF, Walmart, Unilever und McDonald’s bis zu Dow und Adidas – auf Nachhaltigkeitsexperten aus NGOs, Politik und zivilgesellschaftlichen Initiativen treffen. Der dabei über Disziplinen hinweg stattfindende Austausch wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Beschleuniger für kollektives Lernen und Kooperation.

Das Greentech Festival, initiiert vom ehemaligen Formel-1-Fahrer Nico Rosberg, stellt jährlich neueste nachhaltige Produkte, Technologien und Innovationen vor.

An vielen Stellen zeigt sich aber auch ein akutes Dilemma, das mit dem berühmten Zitat von Marshall McLuhan auf den Punkt gebracht werden kann: „The medium is the message“ (Das Medium ist die Botschaft). Events können nur dann glaubwürdige Plattformen für die Entwicklung einer nachhaltigen, vernetzten, fairen Zukunft sein, wenn sie selbst auch diesen Ansprüchen gerecht werden. Auf die Risiken von Greenwashing wurde bereits eingegangen – das Nicht-Erfüllen der öffentlichen Erwartungen bezüglich Nachhaltigkeit ist ein weiteres eklatantes Problem für Veranstalter, das in Zukunft sehr viel stärker zutage treten wird. Eine Konferenz zu Lösungen für Klimaneutralität zu betreiben, zu der Tausende Teilnehmer aus aller Welt per Flugzeug anreisen, ist im Jahr 2021 nicht mehr nur unglaubwürdig – es ist geschäftsschädigend bis undenkbar. Von Veranstaltern wird also heute mehr als je zuvor ein hohes Maß an Selbstreflexion, Integrität und Transparenz in Bezug auf Nachhaltigkeit erwartet. In Zukunft wird es für Events kein Nice-to-have sein, nachhaltig zu operieren; der Faktor Nachhaltigkeit wird zur Grundbedingung, auf der alle weitere Planung aufsetzt. Um zu bewerten, wie es um die Nachhaltigkeit einer Veranstaltung steht, muss die ganze Wertschöpfungskette von Produktion und Umsetzung bis zu den Reisewegen der Teilnehmer betrachtet und ausgewertet werden. Das Rezept ist oberflächlich gesehen einfach: umweltschädigende Faktoren erfassen und messen, diese nach Möglichkeit reduzieren und schließlich die nicht zu beseitigenden Faktoren kompensieren. Feinere Anleitung geben ­neben den etablierten Modellen wie dem DIN ISO Norm 20121 und entsprechenden Beratungsmodellen auch neuere Tools zum datengestützten Emissionsmanagement (wie beispielsweise jenes, das vom Berliner Start-up PlanA als Emissionsrechner für Events entwickelt wurde). Vor allen Dingen geht es für Veranstalter aber darum, die ganze Bandbreite an Möglichkeiten der Eventproduktion auszuschöpfen. Die vergangenen Krisenmonate haben mehr als je zuvor gezeigt, wie essenziell virtuelle Events im Formatmix geworden sind. Sie waren nicht nur im Kontext von Pandemie und Kontaktbeschränkungen der Rettungsanker der Veranstaltungsbranche – und entsprechend auf dem Vormarsch. Virtuelle Formate werden auch in Zukunft einen maßgeblichen Beitrag zur Nachhaltigkeit der Branche leisten. Dies umfasst auch neue hybride Formate sowie regional vernetzte Multi-Hub-Events, die eine physische Teilnahme für große Publika ermöglichen, ohne massive Emissio­nen durch Flugreisen zu verursachen.

DEN AUSTAUSCH ZUR NACHHALTIGKEIT FÖRDERN

Was verbindet also die Veranstaltungscommunity der Post-­Covid-Ära mit den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit? Eine Verantwortung und eine Chance: die Verantwortung, Flagge zu zeigen, Position zu beziehen und Nachhaltigkeit nicht nur in der Planung und Umsetzung von Events ganz oben auf die Agenda zu setzen. Es geht auch um die Verantwortung, eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu spielen, indem die essenziellen Funktionen von Events als Plattformen für Begegnungen und Kollaboration bewusst eingesetzt werden. Diese Verantwortung trifft mittlerweile nicht mehr nur Veranstaltungen, die nachhaltigen Wandel im Kern tragen wie die drei vorher skizzierten – sie kann und sollte auch von der gesamten breiten Landschaft der Eventbranche mitgetragen werden. Dies gilt auch für Veranstaltungen, die im Kern andere Themen verfolgen. Die neue Rolle, die dadurch für Veranstaltungsorganisationen ­entsteht, ist die des proaktiven Gastgebers, der nicht nur seine Gäste versammelt und umsorgt, sondern auch die eigenen Werte anspricht, kritische Themen auf den Tisch bringt, Erwartungen äußert und versucht, die Teilnehmenden zu konstruktiven Gesprächen zu motivieren. Aus dieser Rolle ergibt sich auch die besondere Chance für die Veranstaltungscommunity. Es ist die Chance, sich des eigenen Einflusses bewusst zu werden und die Selbstwahrnehmung der Branche und ihrer Akteure stark zu erweitern und aufzuwerten. In dieser neuen Selbstwahrnehmung sind werteorientierte Events aller Art Katalysatoren, Testumgebungen, Sprachrohre und Netzwerkplattformen für neue und relevante Entwicklungen. Sie erschaffen die Räume, in denen im großen Stil Wissen geteilt, Kollaboration gebündelt und gemeinsame Aktivitäten angestoßen werden. Wichtig ist dabei: Die Veranstaltungsbranche ist eine Gastgeber- und Plattformindustrie. Mit ihren Events beherbergt und vernetzt sie fast alle anderen Sektoren und Zweige von Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Wenn sie ihren Einfluss bewusst annimmt und ihre Werte deutlich macht, kann sie auf alle anderen Zweige abfärben, ihre Wirkung vervielfachen und einen echten Anteil an der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft tragen. Der Neustart nach Covid ist damit vor allen Dingen der passende Moment, um alte Denkmuster, Konzepte und sogar die eigene Selbstwahrnehmung zu hinterfragen. So wird die Überwindung der Pandemie für die Community im Idealfall nicht nur zu einem Überleben, einer Rettung, sondern vielmehr zu einer Neuerfindung und einem gemeinsamen Arbeiten für eine wichtige gemeinsame Sache.

Felix Rundel

ZUR PERSON

Felix Rundel ist Co-Founder von futurehain, einer Agentur an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft. Mit seiner Arbeit zwischen kreativem Meeting Design, strategischen Programmkonzepten und interdisziplinärem Austausch – unter anderem als Ambassador für die XPRIZE Foundation – engagiert sich Felix für nachhaltigen und kollaborativen Fortschritt, um den großen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Bis Ende 2020 war Felix als Executive Director der Falling Walls Foundation tätig, einer globalen Plattform für Durchbrüche in Wissenschaft und Gesellschaft

www.futurehain.com

Titelbild: Greentech Festival, Ulf Büschleb; Icons: Flat Icons über Flaticons; Bilder: United Nations; Greentech Festival, www.StefanKraul.de; Steff Berger

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